Krieg_Foto: Isabel Streibig
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Project details

  • nach dem Roman von : Ludwig Renn
  • gefördert durch : Hessische Ministerium für Wissenschaft und Kunst Wiesbaden
  • und : Fachdienst Kultur der Universitätsstadt Marburg

Inhalt


100 Jahre Ende 1. Weltkrieg

Ein Livehörspiel, nach dem Roman von Ludwig Renn und Texten über die Marburger Jäger Premiere: 09. März 2018

Das Ende des 1. Weltkriegs jährt sich 2018 zum hundertsten Mal. Der Krieg, er bedingt die Politik Europas bis heute, war auch Folge eines übersteigerten Nationalbewusstseins. Und gegenwärtig, nach über siebzig Jahren Frieden in Mitteleuropa, gibt es wieder nationalistische Bestrebungen. Geschichtsverleugnung, Unkenntnis und das Vergessen sind nach unserer Auffassung, unter anderen, Gründe für diese Entwicklung.


Wir sehen unsere Aufgabe als Kulturschaffende darin, dem „Vergessen“ und dem „Leugnen“ entgegenzuwirken und die Realität des Krieges in einer verunsicherten aber friedlichen Gesellschaft im Bewusstsein zu erhalten.

 


Produktion

Über das Stück


Mit Live-Hörspielszenen aus Ludwig Renn`s Roman „ Krieg“ und  aus der Schrift „Zur Geschichte der Marburger Jäger“ sowie Licht & Toneffekten und speziellen musikalischen Themen soll eine gewisse „Greifbarkeit“ der realen Vorgänge entstehen.



Team


Ben Streibig
Ben Streibig
Sounddesign und Musik
Daniel Sempf
Daniel Sempf
Künstlerischer Leiter
Stefan Gille
Stefan Gille
Schauspieler

Termine


noch keine



In Ludwig Renn`s autobiografischen Roman: „Krieg“, berichtet ein einfacher Soldat (der Gefreite Renn) aus Sachsen, der von Beginn an am Krieg beteiligt war und Augenzeuge der Ereignisse in Belgien wurde, über die Vorgänge an der Westfront und dem Widerstand, den die deutschen Soldaten durch die belgische Bevölkerung erlebten. „Weshalb muss man sich hassen, wenn man gegeneinander Krieg führt?“, fragt er noch in einer Mischung aus Naivität und Hochmut, als die Truppe durch das neutrale Belgien marschiert und von den Einheimischen mit hasserfüllten Gesichtern erwartet wird.

Soldat Ludwig Renn tritt als Mann ohne Vergangenheit auf. Die Handlung konzentriert sich auf seine vier Jahre als Frontsoldat. Alles spielt sich im Kreise seiner Kompanie ab. Renn, der in seiner Truppe bald als „unverwundbar“ gilt, obgleich er schwer verwundet wird, macht Karriere bis zum Vize-Feldwebel.

Vorrücken, scheitern, zurückziehen, vorrücken, unter schwerem Beschuss ausharren. So berichtet Renn von Gefechten, Schlachten – die Schlacht an der Marne (1914), über den Stellungskrieg der Folgejahre mit der Sommeschlacht (1916), der Schlacht an der Aisne (1917) und der Deutschen Frühjahrsoffensive 1918 –  und auch von Massakern an der belgischen Zivilbevölkerung.

Der Roman erschien etwa zur gleichen Zeit wie “Im Westen nichts Neues“, 1928, wurde in 10 Sprachen übersetzt und erlangte einen Welterfolg.

Die Geschichte der „Marburger Jäger“, die auch in Belgien stationiert waren und mit der 3. Armee, die ebenfalls aus Sachsen stammte, zusammengelegt wurde, soll dokumentarisch eingeflochten werden und die Perspektive des Hörers ändern: Bericht von der Front (aus dem Roman „Krieg“) – Bericht über die Marburg Jäger, mit Hintergrundinformationen zum Verlauf des Krieges an der Westfront.

Hierbei beziehen wir uns auf die Arbeit der Geschichtswerkstatt Marburg, die die Schrift: „Zur Geschichte der Marburger Jäger“ 2013 veröffentlichte.


Zusatzinformationen

Hintergründe zum Roman


Die „Jägerkaserne“ im Marburger Südviertel ist fester Teil des Marburger Stadtbilds. Weniger bekannt ist, dass sie für das Hessische Jäger-Bataillon, auch genannt die „Marburger Jäger“ gebaut wurde. „Jäger“ gehörten zur Infanterie und rekrutierten sich zumeist aus Förstern und Jägern die sich verstärkt freiwillig zum Militärdienst meldeten. Sie galten als besonders zuverlässig und wurden zu Kundschafterdiensten und als Scharfschützen eingesetzt. Die Marburger Jäger wurden 1866 per Kabinetts-Ordre des preußischen Königs Wilhelm I. dem preußischen Heer unterstellt. In Marburg war nun das Hessische Jäger-Bataillon Nr. 11, sowie ab 1913 eine Maschinengewehrund eine Radfahrerkompanie stationiert. Die Mitglieder des Bataillons waren eng mit der Stadt verbunden und die Offiziere bekleideten verschiedene Ehrenämter in der Stadt. Den Studenten der Universität gab das Bataillon die Möglichkeit, den einjährigen freiwilligen Militärdienst in Marburg abzuleisten. Das Bataillon wurde im Deutsch-Französischen Krieg 1870 / 71 eingesetzt und 1900 meldeten sich einige einzelne Jäger aus Marburg zum Ostasiatischen Expeditionskorps, welcher die chinesischen Kolonien nach dem Boxeraufstand wieder befrieden sollte. Hierbei kam es zu brutalen Übergriffen auf die zumeist wehrlose Zivilbevölkerung. Die Beteiligung der Jäger an diesen Gräueltaten konnte allerdings nie bewiesen werden. Zu Beginn des ersten Weltkrieges nahmen die Marburger Jäger an der Eroberung Belgiens teil und kämpften im weiteren Verlauf des Krieges in Nordfrankreich, in den Karpaten und in Oberitalien, um dann ab März 1918 wieder in Frankreich eingesetzt zu werden. Die Schlacht an der Maas war das erste Gefecht für die Jäger in diesem Krieg, in der sie an der Seite der Sächsischen Armee kämpften. Als Sondereinheit, die zumeist direkt an der Front eingesetzt wurde, erlitten sie hohe Verluste. Nur etwa zehn Prozent der Jäger kehrten 1918 nach Marburg zurück

Ludwig Renn und der Krieg

Ludwig Renn wurde 1889 als Arnold Friedrich Vieth von Golßenau in Dresden geboren. Sein Vater war Mathematikprofessor und Erzieher des sächsischen Prinzen Friedrich August Georg von Sachsen, mit dem Renn in jungen Jahren freundschaftlich verbunden war. Seine Mutter stammte aus einer gro.bürgerlichen russischen Familie. Nach dem Abitur begann Renn eine Offizierslaufbahn im 1. Königlich-Sächsischen Leib-Grenadier-Regiment Nr. 100, in dem auch der sächsische Prinz diente. Mit diesem Regiment brach Renn im August 1914 zur Westfront auf.

In seinem Roman „Krieg“…

… verarbeitet er autobiographisch seine Erlebnisse während des ersten Weltkrieges. Immer wieder steht die Gewalt, auch gegen unbewaffnete Zivilisten im Zentrum des Geschehens und immer wieder beschreibt Renn detailreich den Tod von Kameraden. Zunächst führte er befl issen seine Befehle aus, doch zunehmend ahnte er, dass die Kampfhandlungen und die Tode völlig sinnlos sind. An der Westfront war Renns Regiment an vielen wichtigen Kriegsschauplätzen vertreten. Er berichtet von der Schlacht an der Maas, dem Stellungskrieg von Chailly und der Somme-Schlacht. 1919 kehrt Renn nach Dresden zurück, aus einem Krieg der über vier Jahre andauerte und etwa 17 Millionen Menschen das Leben gekostet hat. Zuletzt war er als Befürworter der Novemberrevolution zum Wahlführer seines Bataillons ernannt worden. Er war während des Krieges immer wieder befördert worden und bekleidete nun den Rang eines Hauptmanns.

Nach seiner Rückkehr …

… arbeitete Renn als Hundertschaftsführer bei der sozialdemokratisch ausgerichteten Sicherheitspolizei in Dresden. Jedoch weigerte er sich während des Kapp-Putsches auf revolutionäre Arbeiter zu schießen und quittierte kurz darauf seinen Militärdienst. Es folgten Jahre des volkswirtschaftlichen und juristischen Studiums, während denen Renn an seinem Roman „Krieg“ arbeitete. Er erschien 10 Jahre nach Kriegsende, zunächst als Vorabdruck in der Frankfurter Zeitung. Das Miterleben polizeilicher Gewalt gegen demonstrierende Arbeiter beim Kampf um den Justizpalast in Wien 1927 bezeichnete für Renn einen Wendepunkt. Er trat 1928 in die KPD ein und gab seinen Adelstitel auf. Fortan nannte er sich nach der Figur seines Erstlingswerkes Ludwig Renn und gab die kommunistische Literaturzeitung „Linkskurve“ heraus, die er teilweise durch seine Erträge aus dem Verkauf von „Krieg“ finanzierte.

Während dieser Zeit erschien auch sein zweites Werk „Nachkrieg“, das über die politischen Verhältnisse in den Jahren 1919 und 1920 berichtet. Während „Krieg“ noch ein durchaus objektives Bild der Geschehnisse zeigt, ist „Nachkrieg“ wesentlich geprägt von Renns politischen Idealen. Aus dem aristokratischen Sohn eines Professors und Prinzenerziehers war ein linkspolitischer Schriftsteller geworden, der sich für die Rechte von Arbeitern und Demonstranten einsetzte.

Nachdem Renn 1934…

…wegen „Vorbereitung zum Hochverrat“ zu 30 Monaten Zuchthaus verurteilt wurde, fl oh er nach seiner Entlassung nach Spanien. Dort kämpfte er auf Seiten der Republik als Kommandeur im spanischen Bürgerkrieg und leitete eine Offi ziersschule der Volksarmee. Nachdem er sich in „Krieg“ fragt: „Warum muss ich wieder ins Feuer hineinlaufen? […] Ist es nicht einmal genug?“ überrascht es, dass Renn sich erneut freiwillig zum Militärdienst meldet und es lässt sich wohl nur durch seine starken politischen Überzeugungen erklären. Nachdem er, nach der Niederlage der Republikaner in Spanien, einige Jahre in Mexiko im Exil verbrachte, kehrte Renn 1947 nach Deutschland zurück. Er trat in die SED ein und übernahm die Leitung des Kulturwissenschaftlichen Instituts der TU Dresden.

1948 wurde er Vorsitzender des Kulturbundes Sachsen und schrieb vornehmlich Kinderbücher. Später, als freier Schriftsteller, lebte er in Berlin (Ost), zusammen mit zwei Freunden in einer offenen homosexuellen Beziehung. Damals galt dies als Sensation. Renn starb 1979 mit 90. Jahren in Berlin(Ost). Auch 100 Jahre nach Ende des 1. Weltkrieges hält Renns Roman „Krieg“ die schrecklichen Geschehnisse dieser „Urkatastrophe des 20. Jahrhunderts“ lebendig und dokumentiert für die Nachwelt das Leben eines Soldaten in dieser nationalistischen Epoche.

Lea Pfeifer