Dracula ECHO-Online

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„Dracula“ als Live-Hörspiel im Opel-Altwerk

Kultur im Sommer 2012 – Nur der Klang als Kulisse

RÜSSELSHEIM.

Am Samstag führten vier Schauspieler der Marburger „Hörtheatrale“ im Adamshof des Opel-Altwerkes den Grusel-Bestseller „Dracula“ von Bram Stoker auf. In einer Inszenierung von Daniel Sempf erlebten knapp
hundert Zuhörer den Vampir-Schocker als lebendiges Hörstück.

Vampire haben kein Spiegelbild. Davon weiß Jonathan Harker nichts, als er den Grafen Dracula in Siebenbürgen aufsucht. Doch mit der Zeit erlebt er noch Merkwürdigeres im Schloss wie die weißen spitzen Zähne oder die ungewöhnlich roten Lippen seines Gastgebers. Ihm wird unheimlich, aber er kann fliehen. Doch zurück in Yorkshire spürt er, dass der Graf ebenfalls unterwegs nach England ist. Sein erstes Opfer ist Lucy, die Freundin von Jonathans Verlobter Mina. Sie wenden sich an den Irrenarzt John Seward, der seinen ehemaligen Lehrer Professor van Helsing aus Holland zu Hilfe ruft.

Kaum ein Roman hatte ähnliche dramaturgische Folgen, wie „Dracula“, den der irische Autor Bram Stoker 1897 veröffentlichte. Es erschienen zahlreiche Adaptionen fürden Film und das Fernsehen. Der Stoff reizt aber ebenso Theater-Regisseure und Musical-Produzenten bis zum heutigen Tag.

„Mit unseren Hörstücken wollen wir den Zuschauern ihre Fantasie zurück geben“, sagt Daniel Sempf, der vor drei Jahren im Umfeld des Hessischen Landestheaters Marburg die „Hörtheatrale“ gründete. Aus dem literarischen Stoff formte er ein zweistündiges Hörspiel mit Musik, das sich erstaunlich eng an den Vorlagentext hält. Die Schauspieler*innen sprachen ausdrucksstark die vielen verschiedenen Rollen auf der Bühne im Adamshof, ohne die Handlung schauspielerisch darzustellen. Auf einige Gesten wollten sie allerdings nicht verzichten. Unterstützt wurden sie dabei von Geräuschen und extra dafür komponierter Orchestermusik. Beides wurde von Ben Streibig produziert, der den Sound am Samstagabend auch persönlich einspielt.

Dazu hat die „Kunstwerkstatt Waldkobold“ einen stilisierten Friedhof mit Grabsteinen als Bühnenbild beigesteuert. Faszinierend! Die Kulisse bestand jedoch vorwiegend aus Klang. Das begann mit Windgeräuschen, die besonders realistisch wirkten, weil gleichzeitig eine kräftige Brise über die Köpfe der Besucher im Altwerk wehte.(Sound von Ben Streibig)Die Schauspieler waren geschminkt und erschienen in Originalkostümen auf der Bühne. Alles, was sonst noch geschah,entwickelte sich im Kopf der Zuhörer.

Dabei gewann die dramatische und farbenreich arrangierte Musik (komponiert von Stefan Kissel) einen enormen Stellenwert. Doch das Faszinierende der Aufführung waren die realistisch vorgetragenen Texte der Schauspieler. Professor van Helsing weiß, wie man Vampire von ihrem unseligen Schicksal befreien kann: Auch wenn es den Protagonisten schwerfällt, muss unter seiner Anleitung Lucy ihnen ein Pflock ins Herz geschlagen, der Kopf abgetrennt und der Mund mit Knoblauch gefüllt werden. Würde man versuchen, dies alles auf der Bühne darzustellen, hätte man sicher viele Lacher im Publikum – was spätestens Roman Polanski in seinem Film „Tanz der Vampire“ bewies.

Da jedoch die Handlung in Rüsselsheim nur gesprochen und bei entsprechender Beleuchtung von programmatischer Musik untermalt wurde, behielt die Geschichte ihren gruseligen Charakter. Zu viert begaben sich die Helden des Hörspiels auf die Jagd nach dem Vampir, der inzwischen wieder auf dem Weg
nach Transsylvanien ist. Zunächst gelingt es ihm noch, das Bewusstsein von Jonathans Freundin Mina zu beherrschen, wodurch er den jeweiligen Aufenthalt seiner Häscher kennt. Doch unter schmerzlichen Verlusten stellen sie ihn am Ende, bevor er von Helfern geschützt sein Schloss erreichen kann. Als Jonathan ihm den Pflock ins Herz stößt, zerfällt der Körper des Grafen Dracula augenblicklich zu Staub.

Von Marc Mandel |  15. Juli 2012